Lieblingsstücke

Jede Bibliothek hat ihre Highlights, jede Bibliothekarin, jeder Bibliothekar Lieblingsstücke. Hier stellen Autorinnen und Autoren unseres Bibliotheksblogs ihre ganz persönlichen Favoriten aus dem eigenen Haus vor.
Wir empfehlen: Immer mal wieder auch in dieser Rubrik vorbeischauen – sie wächst zusammen mit unserem Blog.

Von
Rawa Ruska
nach Köln
nach London

Direkt vor der Kölner Stadtbibliothek liegen an der Fleischmengergasse Stolpersteine für die jüdische Familie Geppert/Jungleib: für Vater Meier, Mutter Rachela, Sohn Max und seit kurzem auch für Tochter Chaye Sara (Sally). Sie ist die einzige Überlebende der Familie. Sally erreichte Großbritannien mit einem „domestic worker visa“ (Visum für Hausangestellte) am 31. August 1939 – buchstäblich keinen Tag zu früh.

Die Gepperts gehörten zu der großen Gruppe osteuropäischer Juden, die seit Ende des 19. Jahrhunderts ihre Heimatländer verlassen hatten – in der Hoffnung, in Deutschland eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder zu finden. In Köln ließen sich viele von ihnen südlich des Neumarkts nieder, dort wo sich heute die Stadtbibliothek – und damit auch die Germania Judaica – befindet. Sally war noch im galizischen Rawa-Ruska geboren. Das Städtchen gehörte damals zu Österreich-Ungarn, heute ist es Teil der Ukraine. Sallys Bruder kam dann bereits in Köln zur Welt.

Sallys Enkel, Michael Newman, ist heute Chief Executive der Association of Jewish Refugees, der wichtigsten Organisation jüdischer NS-Verfolgter aus Mitteleuropa in Großbritannien. Er hat die Geschichte seiner Großmutter erforscht und sich dafür engagiert, dass auch für sie ein Stolperstein gelegt wird. Im März 2022 konnte er schließlich mit seiner Familie an der Verlegung teilnehmen.

Dr. Ursula Reuter

Aus der Sammlung Ulrich Föhse:

Ilse Loew schildert ihre Überfahrt nach Kuba auf der Flandre, 1939

Im Mai 1939 begab sich die einunddreißigjährige Kunsthistorikerin Dr. Ilse Loew aus Elberfeld mit ihrem Mann Alfred und ihrer kleinen Tochter Anne Judith voller Hoffnung und im Besitz gültiger Einwanderungspapiere auf eine Schiffsreise nach Kuba. Doch Kuba änderte während der Überfahrt seine Einreisebestimmungen – mit schrecklichen Folgen. In Havanna angekommen, ließ man die 96 Juden und Jüdinnen an Bord nicht an Land. Nach zehn bangen Tagen und einer Weiterreise nach Vera Cruz in Mexiko war klar, dass sie wieder nach Europa zurückfahren mussten.

Das Besondere an diesem Bericht liegt für mich in der Genauigkeit, mit der Ilse Loew jede Stimmungsänderung unter den Passagieren, von Hoffnung und Freude zu Verzweiflung und Niedergeschlagenheit, wahrnimmt. Die einen flüchteten vor Franco, die anderen vor Hitler. Der psychische Stress war für die Loews so enorm, dass sie das Angebot von einem Cousin, das ihnen das notwendige Geld gesichert hätte, um in Mexiko landen zu dürfen, am Ende ausschlugen. Sie waren besorgt, das Geld nicht mehr zurückzahlen zu können. Sie hatten den Punkt erreicht, wo sie sich nicht mehr trauten, durch die sich öffnende Tür zu gehen.

Ilse Loew schrieb diesen Bericht nach ihrer Rückkehr in Frankreich, vor der Deportation nach Auschwitz, wohin die 2-jährige Tochter ihren Eltern ein Jahr später folgte.

Joseph Swann

Die Schauspielerin Julia Wolff hat den Bericht eingelesen – zu hören und zu sehen hier auf der Website der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. Eingeleitet wird der Film von einem Gespräch zwischen Dr. Ulrike Schrader, Leiterin der Begegnungsstätte, und der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Gudrun Hetfeld, die sich intensiv mit diesem einzigartigen Dokument beschäftigt hat.

Koffer aus dem Nachlass von Harry Zwi Dreifuss

Der Koffer von Harry Zwi Dreifuss hat eine lange Geschichte.

Copyright: Steinheim-Institut

Harry Dreifuss war noch kein Jahr alt, als seine Eltern 1935 mit ihm aus Mannheim über die Schweiz nach Palästina flüchteten. Als Heranwachsender in der neuen Heimat Tel Aviv entdeckte er seine Leidenschaft für das Fotografieren. 1958 entschied er sich, für ein Studium der Fotografie nach Köln zu gehen.

Die Rückkehr nach Deutschland war für jüdische Emigranten und Emigrantinnen nie eine einfache Entscheidung. Harry, seit der Schulzeit in Tel Aviv Zwi Dreifuss, drehte einen Spielfilm über seine Rückkehr. Die ersten Szenen spielen im Zug. Ein Zoom auf den Koffer des Protagonisten lässt auf dem Anhänger das Wort Israel erkennen. Die Kamera schwenkt zu einem Mann auf der Sitzbank gegenüber. Kurz starrt er gebannt auf den Koffer und versteinert, dann verlässt er überstürzt das Abteil.

Ein kleiner Nachlass des im Dezember 2020 verstorbenen Harry Zwi Dreifuss befindet sich heute im Salomon Ludwig Steinheim-Institut. Der Koffer, der den Rückweg aus Israel nach Köln begleitete, gehört – wie auch Fotos und Filmrollen – zu diesem ganz besonderen Archivbestand. Jeden Tag im Institut erinnert er mich an einen wunderbaren Menschen, an dessen Erinnerungsarbeit ich teilhaben durfte.

Die Lebensgeschichte von Harry Zwi Dreifuss und die Geschichte seiner aus Wilna stammenden Frau Tamar, die als kleines Kind durch den Mut ihrer Mutter vor der Shoah gerettet wurde, sind Gegenstand einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen.

Tamar und Harry Dreifuss haben viele Jahre lang als Zeitzeugin und Zeitzeuge die Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Vergangenheit eingefordert, und Tamar setzt diese Arbeit bis heute fort. Eine ganze Generation von Schülerinnen und Schülern ist von den beiden dazu ermutigt worden, sich für ein solidarisches Zusammenleben ohne Rassismus und Antisemitismus einzusetzen.

Dr. Cordula Lissner

Harry Dreifuss bei einer Ausstellungs-eröffnung im Lernort Jawne 2015.

Zum Weiterlesen:
Nachruf für Harry Dreifuss: https://www.jawne.de/category/aktuelles/

Anne Klein, Begegnungen. Der Kameramann Harry Zwi Dreifuss und sein Film über das Ankommen, in: diesl. (Hg.), Der Lischka-Prozess. Eine jüdisch-französisch-deutsche Erinnerungsgeschichte, Berlin 2013, S. 158f. (In diesem Band wird auch die wichtige Rolle von Harry Dreifuss als Kameramann bei der Enttarnung des NS-Verbrechers Kurt Lischka beleuchtet).

Sarah Mfuende und Lynn Tsui, Harry Zwi Dreifuss, in: Bundesverband Information Beratung für NS-Verfolgte (Hg.), Wir haben überlebt! Flucht und Verfolgung in Erzählungen von Holocaust-Überlebenden und Geflüchteten, Köln 2018, S. 94-107.

Michaela Elstner und Aylin Özbucak, Tamar Dreifuss, ebd. S. 42-53.

Tamar Dreifuss, Die wunderbare Rettung der kleinen Tamar 1944. Ein jüdisches Mädchen überlebt den Holocaust in Osteuropa, hrsg. von der Projektgruppe Kinderbuch im Lernort Jawne, Köln 2009.

Bücherempfehlungen aus dem Bibliotheksteam

des Jüdischen Museums Frankfurt

Franziska Krah empfiehlt:

Die „Anti-Anti-Blätter zur Abwehr“

Das Buch wurde 1924 vom damals größten jüdischen Verein Deutschlands, dem „Centralverein“, herausgegeben. Es enthält thematisch sortiert Argumente gegen typische antisemitische Behauptungen. Dienen sollten diese für Gegenreden im privaten Rahmen oder in der Öffentlichkeit, etwa bei antisemitischen Massenveranstaltungen. Die Publikation ist ein spannendes Zeugnis für das damalige Engagement gegen den Antisemitismus und kann nicht nur in unserer Museumsbibliothek, sondern auch in unserer Dauerausstellung angeschaut werden.

Valentino Massoglio empfiehlt:

„Toward a Hot Jew“ von Miriam Libicki

In ihren grafischen Essays beschäftigt sich die Comickünstlerin mit jüdischen und israelischen Identitäten vor dem Hintergrund ihrer eigenen künstlerischen und persönlichen Biografie. Durch das Befragen von politischen Narrativen, eigenen Lebensentscheidungen und klassischer Erzählweisen im Comic gelingt es ihr zu einer neuen bemerkenswerten Formsprache zu finden. In der neuen Comic-Abteilung unserer Museumsbibliothek lässt sich darin und in vielen anderen schönen Graphic Novels schmökern.

Linda Wiesner empfiehlt:

Sammy Spider’s first Sukkot

Als Josh Shapiro und sein Vater im Garten hämmern und bauen, ist Sammys Neugier geweckt. Die kleine Spinne löchert ihre Mutter mit Fragen darüber, was die Shapiros, bei denen sie ihre Netze spannen, da tun. In mittlerweile mehr als 20 englischsprachigen Büchern antwortet Mrs. Spider geduldig auf Sammys unermüdliche Fragen. Ihre kindgerechte Erklärungen werden dabei von collageartigen Illustrationen begleitet. Die Autorin Sylvia A. Rouss und die Illustratorin Katherine Janus Kahn thematisieren mit Sammys Geschichten Abläufe und Inhalte jüdischer Feste und Feiertage. Ein sonst wenig geliebtes Tier begeistert hier die Kinder und vermittelt auf unterhaltsame Weise Wissen über jüdisches Leben.

Ma’aseh Tuviah, Venedig 1707

Das Werk des Tobias
(Tobias Cohn, 1652-1729)

Jedes Buch in Ets Haim ist auf seine eigene Art schön. Ein Lieblingsbuch zu nennen, ist daher gar nicht so einfach.

Ein Werk, das ich sehr mag, trägt den Titel Ma’aseh Tuviah (das Werk des Tobias). Ganz besonders gefällt mir eine Darstellung des menschlichen Körpers als einem Haus mit mehreren Etagen. Im Mittelalter wurde der Körper oft als Teil des Universums abgebildet.

Tobias Cohn aber war der Meinung, dass das Bild des Menschen als Haus viel einfacher zu verstehen sei. Solche architektonischen Abbildungen wurden früher benutzt, um komplexe Themen zu erklären, diese hier dient Medizinstudenten dazu, die Anordnung der Organe zu erlernen und sich einzuprägen.

Auf der linken Seite der Abbildung sieht man den Körper eines Menschen mit seinen wichtigsten Organen, rechts ein Haus mit fünf Etagen. Alle Organe sind mit einem hebräischen Buchstaben versehen, die mit verschiedenen Elementen auf den Etagen korrespondieren.

Im Altertum wurde das Herz oft als ein großer, dampfender Kessel abgebildet. Dahinter stand die Vorstellung, dass das Herz das Blut aufwärmt. Den Kessel sieht man in dieser Darstellung auch, in der Küche stehend repräsentiert er hier allerdings den Magen. In der vierten Etage befindet sich hinter einem vergitterten Fenster das Herz. Es ist „der Herr des Hauses“‘ und kann, so Cohn, an dieser Stelle frische Luft bekommen, ohne selbst gesehen zu werden.

Es ist faszinierend zu betrachten, wie man vor mehr als 300 Jahren den Menschen sah.

Heide Warncke

George Salter

Typografie und Einbandgestaltung

Thomas Mann, Death in Venice,
New York: Knopf, 1965.
Übersetzung von Der Tod in Venedig,
erstmals 1912 erschienen.
Library of the Leo Baeck Institute New York | Berlin,
Signatur: st 4610 Salter v. 121.

Dieser markante minimalistische Bucheinband der englischen Übersetzung von Thomas Manns Der Tod in Venedig mit elegantem Schriftzug und blau-grünen Farbbändern greift das Grundthema der berühmten Novelle auf: die Sehnsucht nach Schönheit und ästhetischer Verfeinerung. Der Einband wurde 1965 von dem deutsch-amerikanisch-jüdischen Designer George Salter für den Alfred A. Knopf Verlag in New York gestaltet.

GEORGE SALTER (1897, Bremen, gebürtig Georg Salter – 1967, New York) wuchs in einer wohlsituierten deutsch-jüdischen Familie auf. In den späten 1920er Jahren begann er, sich auf kommerzielle Buchgestaltung zu konzentrieren und produzierte über 350 Bucheinbände und Schutzumschläge. Weltberühmt wurde sein Schutzumschlag für Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. 1934 floh er aus Nazi-Deutschland in die USA.

Salters Entwürfe waren auch bei amerikanischen Verlegern sehr gefragt – er erhielt eine Flut von Designaufträgen. Seine Schutzumschläge und Buchdesigns sind bei Werkausgaben bekannter Autoren wie Albert Camus, John Dos Passos und Thomas Mann zu finden. Sie verbinden Buchinhalt mit Buchgestaltung. In den USA arbeitete Salter für 89 verschiedene Verlage und gestaltete mindestens 715 verschiedene Buchumschläge.

George Salters Werk zeigt eine breite Palette von Stilen und Medien. Seine Arbeit zeichnet sich durch exquisite Handwerkskunst und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Typografie und Bild aus. Salter wurde vor allem von den russischen Konstruktivisten, der Bauhaus-Schule und der Idee des Gesamtkunstwerks des deutschen Jugendstils beeinflusst. George Salters Arbeit ist der Maßstab, an dem zeitgenössisches Buchdesign bis heute gemessen wird.

Eine Auswahl von Salters Werken, die seine Designtheorie wiederspiegeln, ist in der Online-Ausstellung: George Salter: A Legacy of Book Design zu sehen. Die dort vorgestellten Buchumschläge stammen aus der “Library of Book Designs by George Salter,” in der über 300 Werke Salters zu finden sind. Diese Buchsammlung ist nur einer der Schätze, die man im Leo Baeck Institute New York | Berlin (LBI) entdecken kann.

Renate Evers

Waldbach im Schnee

Radierung von Emil Singer

Dieser zu Unrecht vergessener Künstler wurde 1881 in Gaya geboren (heute Kijov, in Tschechien) und 1942 nach Izbica deportiert. Er starb in Anonymität. Seine Werke schmücken heute viele Museen auf der ganzen Welt.
Ein Spender, der nicht genannt werden möchte, hat der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich 2020 diese schöne Radierung geschenkt. Wir haben sie rahmen lassen und sie hängt nun im Eingangsbereich, so dass jeder Besucherin sie geniessen kann.

Kerstin A. Paul

Heinrich Bölls Arbeitszimmer

Hier schrieb Heinrich Böll, Kölns berühmtester Autor, Nobelpreisträger und Mitbegründer der Germania Judaica, seine Werke. Sein Arbeitszimmer steht heute in der zweiten Etage der Kölner Zentralbibliothek, nur durch eine Glasscheibe von den Besucher*innen der Stadtbibliothek getrennt. Es lädt ein zu Betrachtungen über Bölls Arbeits- und Lebensweise, über die Bedingungen künstlerischer Produktion und über seine und unsere Sicht auf die Welt.

Dr. Constanze Baumgart, Dr. Ursula Reuter

Jüdischer Kinderkalender

von 5689 | 1929

Der Jüdische Kinderkalender für das Jahr 5689 (1928/29) ist der erste aus einer Serie von Kalendern für Kinder und Jugendliche, die der Rabbiner und Publizist Emil Bernhard Cohn (1881-1948) von 1928 bis 1936 herausgegeben hat. Alle befinden sich im Bestand der Germania Judaica.
Der Band von 5689 enthält wunderschöne Illustrationen der Künstlerin Nina Brodsky (1892-1979). Außer dem Titelblatt hat sie für jeden jüdischen Monat fantasievolle Kalenderblätter mit Bezügen zu den jüdischen Festen geschaffen, in denen man immer neue Details entdecken kann.

Dr. Constanze Baumgart, Dr. Ursula Reuter

Emil Bernhard Cohn (Hg.), Jüdischer Kinderkalender. Erster Jahrgang, 5689 – 1928/29, Berlin: Jüdischer Verlag